Die Geschichte und Bedeutung des Jerusalemer Kreuzes auf der Weng
Abt Anselm Zeller OSB
Seit den frühen 70er Jahren grüßt das mächtige Jerusalemer Kreuz die Wallfahrer und Wanderer am Beginn des Pilgerwegs. Es wurde von unserem P. Benedikt Vollmann OSB, dem großen Begründer und Förderer der Georgenberger Nachtwallfahrt, errichtet. Mit dem großen Kreuz wollte er gleichsam den unübersehbaren Hinweis auf Besinnung, Gebet und Sammlung setzen. Nicht weit von diesem Zeichen christlicher Frömmigkeit beginnt der Kreuzweg mit seinen 14 Stationen, die den Pilger bis hinauf zum „heiligen Berg Tirols“ begleiten. Gelegentlich treffe ich unterwegs andächtige Beter, die vor den von Wolfram Köberl restaurierten Bildern stehen und dort nachdenklich verweilen.
Das Jerusalemer Kreuz hat eine auffallende Gestalt: Vier kleinere Kreuze befinden sich gleichmäßig auf die vier Räume zwischen den großen Balken verteilt. (Ich selber besitze ein solches Kreuz als Erinnerung an meine Pilgerfahrt ins Heilige Land vor 25 Jahren. Es hängt über meinem Bett.) In Jerusalem kann man immer wieder dieser besonderen Kreuzesdarstellung begegnen. Auch die Länder Georgien und Puerto Rico tragen das Jerusalemer Kreuz auf ihren Flaggen. Schließlich tragen es die Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem auf ihren weißen Mänteln.
Weshalb aber nennt man diese Form „Jerusalemer Kreuz“? Wann ist sie entstanden? Was will sie aussagen? Diesen Fragen werde ich im Folgenden ein wenig nachgehen. Als Grundlage und Quelle dient mir dabei ein umfangreicher Artikel im Osservatore Romano vom 25. September 2009 aus der Feder von Mordechay Lewy, dem Botschafter von Israel beim Heiligen Stuhl.
Es ist die Zahl 5, die uns auf die Spur bei der Deutung des Kreuzes bringt - ein großes Kreuz und vier kleine. Entgegen der allgemeinen Auffassung gab es in der Zeit der Kreuzzüge das Jerusalemer Kreuz nicht. Die früheste Darstellung findet sich bereits auf einem Hostienstempel im 5. Jahrhundert. Erst am Ende des 13. Jahrhunderts tauchte beim so genannten Königreich Jerusalem die Darstellung wieder auf. „Das Jerusalemkreuz wurde zu einem begehrten heraldischen Attribut aller Thronansprüche auf die Krone Jerusalems, seitdem die Kreuzritter ihren letzten Vorposten 1291 verloren hatten“, heißt es im Artikel. Ursprünglich waren es über das Wappenschild mehrfach verstreute Kreuzchen. Dann erhielt die feste Zahl 5 der Kreuze ihre besondere Bedeutung durch den Hinweis auf die 5 Wunden des Herrn. (Deshalb macht der Priester bei der alten tridentinischen Messe über die Hostie und den Kelch auch 5 Kreuzzeichen.) Der Franziskanerorden förderte im Spätmittelalter die Verehrung der 5 Wunden des Herrn; trug doch der hl. Franziskus selbst die Wunden Jesu an seinem Leib. So wird die Übertragung und Anwendung der symbolischen Zahl auf die Kreuzesform verständlich. Eine päpstliche Bulle bestätigte 1342 die Zuständigkeit der Söhne des hl. Franz von Assisi für die Betreuung der Pilger. Die Franziskaner durften im Heiligen Land sogar die Ritterwürde vergeben. Es war üblich, dass sich die Pilger das Jerusalemer Kreuz als Zeichen für ihre Pilgerreise auf ihr Gewand nähten und die lange und beschwerliche Reise so ihr Leben lang öffentlich dokumentierten. Erst im 19. Jahrhundert wurde den Franziskanern die Vorrangstellung im Heiligen Land durch die Errichtung eines lateinischen Patriarchats in Jerusalem genommen.
Welche Bedeutung kann das Jerusalemer Kreuz zu Beginn des Georgenberger Wallfahrtsweges für uns haben? In 5 kurzen Gedanken versuche ich eine Antwort.
1. Das Kreuz ist das Zeichen unseres Heiles, weil Jesus als Gottes Sohn für uns am Kreuz gestorben ist und die Sünden der Welt „hinweggenommen hat“. In seiner Auferstehung hat er sich als Gottes Sohn erwiesen. Dies ist die zentrale Botschaft der Evangelien und der Apostelbriefe. So gehört das Kreuz zur Mitte unseres Glaubens.
2. Das Kreuz am Anfang des Pilgerwegs erinnert uns auch an unseren eigenen Lebensweg im Zeichen des Kreuzes. Immer wieder haben wir die Sakramente als Frucht des Todesleidens des Herrn empfangen. Wie viele tausend Male haben wir uns selber mit dem Kreuz bezeichnet?! Wie oft wurden wir schon im Zeichen des Kreuzes von den Eltern oder dem Pfarrer gesegnet?!
3. Jesus selber hat uns eingeladen, täglich unser ganz persönliches Kreuz auf uns zu nehmen und ihm so nach zu folgen. Wir sollen nicht unser Kreuz wegwerfen, sondern es tragen. Dann gehören wir zu seinen Jüngern und Freunden.
4. Die 5er Zahl beim Jerusalemer Kreuz erinnert uns an die 5 Wunden Jesu, die er am Kreuz erlitten hat. Diese sind die besonderen Zeichen seiner Liebe zu uns Menschen. An seinen Wunden haben die Apostel den Herrn nach der Auferstehung wieder erkannt. Im Himmel werden auch wir ihn an seinen verklärten Wunden wieder erkennen. Wir dürfen dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn die Wunden hinhalten, die das Leben uns selber geschlagen hat. Er möge sie heilen!
5. Der Name „Jerusalemer“ Kreuz erinnert uns an die heutige Situation der Stadt, in der Jesus gestorben ist. Wie viel Hass, Feindschaft und Ungerechtigkeit herrscht doch in ihren Mauern! Wohl in keiner anderen Stadt der Welt tritt außerdem die Zerrissenheit der christlichen Kirchen so zu Tage wie in der Stadt Jesu. Tragen wir mit unseren persönlichen Sorgen auch das Anliegen um die Einheit der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zum Georgenberg hinauf!




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