Abtpräses Jeremias Schröder OSB: Rede bei der Übernahme 28.6.2018

1. Ansprache bei Festakt zur Übergabe des Stiftsgebäudes von Fiecht

28. Juni 2018 von Abtpräses Jeremias Schröder OSB

Da P. Raphael die Anwesenden schon ausführlich vorgestellt hat, darf ich Sie und Euch kollektiv ansprechen mit einem einfachen:

 Liebe Festversammlung!

Schon vor dem folgenreichen Beschluss des Konventes vom 30. Mai 2016 und erst recht danach war ich immer wieder hier. Prior Administrator P. Raphael bat mich, das zu begleiten, was hier von den Mitbrüdern und unseren Beratern vorbereitet und vorangebracht wurde: die Übergabe des Stiftskomplexes an einen neuen Eigentümer, die heute erfolgt, und die noch bevorstehende Rückkehr des Konventes auf den St.-Georgenberg.

Es ehrt mich, dass P. Raphael mich gebeten hat, mit ein paar Worten zu umreißen, was das alles für uns bedeutet. Anders, als das sonst üblich ist, möchte ich meinen Dank nicht am Schluss aussprechen, sondern mit einer Danksagung beginnen. Mir scheint das ein gut katholischer Ansatz: zu allererst einmal anerkennen wir, dass wir nur durch die Gnade Gottes irgend etwas erreichen können. Und wir bekennen, wofür wir wir Grund haben dankbar zu sein, auch gegenüber den Vielen, die uns in den letzten Jahren unterstützt haben.

2. Danken

Zunächst will ich die Entschlussfreude des Konventes loben. Die Mönche von Fiecht waren bereit, in einer schwierigen Situation die Zukunft beherzt in die Hand zu nehmen. Das ist nicht überall so – ich kenne etliche Gemeinschaften, die nicht willens oder auch nicht in der Lage sind, schwere zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen. Veränderungen werden dort nurmehr erlitten, nicht – wie hier –  gestaltet. Das macht mich stolz auf den Fiechter Konvent, aber es ist vor allem auch Grund für Dankbarkeit.

Nach der Entscheidung vor gut zwei Jahren sind wir zunächst an unsere hiesige Diözese herangetreten. Jakob Bürgler, damals der Generalvikar des Bistums Innsbruck, hat aus seiner Kenntnis unserer Lage sehr viel Verständnis aufgebracht für unseren Entscheidungsweg. Das hat ihm durchaus auch Kritik eingetragen. Er hat uns beraten, zu gegebener Zeit auch hilfreiche Angebote gemacht und die Kompetenz seines Mitarbeiterstabs zur Verfügung gestellt. Das war eine beispielhafte Kooperation – wir kennen das auch anders. Auch der neuernannte Bischof   hat, in dem Maße in dem er sich mit der Situationund unserem Vorhaben vertraut machen konnte, unser Vorhaben unterstützt. Dass wir die für eine Veräußerung dieser Größenordnung notwendige Genehmigung des Vatikans in Rekordzeit erhalten konnten, lag wesentlich an der eindeutigen Befürwortung aus dem Innsbrucker Bischofshaus.

Ganz wichtig war stets und bleibt die Zusammenarbeit mit den Kommunen. Mit den Bürgermeistern von Vomp und Stans gab es viele gute Gespräche, die uns halfen, praktikable Perspektiven zu entwickeln. Mein Dank gilt hier besonders auch der Großherzigkkeit, mit der anfängliche Kommunikationsstörungen überwunden werden konnten.

3.

Die Umnutzung eines jahrhundertealten Stiftes hat überregionale politische Bedeutung, und so sind wir sehr früh auf das Land Tirol zugegangen. Im Büro des Landeshauptmanns gab es eine sehr konstruktive Haltung. Ein Zeichen dafür war, dass Entscheidungen rasch getroffen und auch mitgeteilt wurden. Auch das kann man anderswo ganz anders erleben.

Wie die Diözese so sah allerdings auch das Land keine Möglichkeit, diesen bedeutenden Baukomplex in eigener Regie einer neuen Nutzung zuzuführen. Wir mussten uns deshalb auf den freien Markt wagen, bei einem Objekt dieser kulturellen und religiösen Bedeutung durchaus eine heikle Angelegenheit. Ich halte es für einen großen Glücksfall, dass es Prior-Administrator P. Raphael gelang, Diplomingenieur Andreas Falch als Koordinator aller unser Bemühungen zu gewinnen. In den zurückliegenden zwei Jahren arbeitete er unermüdlich an der Entwicklung dieses Projektes. Dazu gehörten eine umfassende Bestandsaufnahme und erste Bewertungsversuche, Beziehungen mit Kaufinteressenten, politischen und kommunalen Verwaltungsebenen, kirchlichen und kulturellen Institutionen.

Fast alle heute hier Anwesenden haben in den vergangen 24 Monaten Kontakt mit Herrn Falch oder seinen Mitarbeitern gehabt. Spürbar war dabei für mich immer wieder, dass Herr Falch nicht nur als kompetenter Immobilienentwickler in Erscheinung trat, sondern auch als Tiroler Patriot, dem es ein erzensliegen ist, dass die Übergabe des Stiftes Fiecht in einer Weise geschieht, die dem Inntal gut tut.

4.

Am wichtigsten wurde für dieses dem Inntal-Gut-Tun der Käufer. Genau heute vor einem Jahr konnte die Abtei einen Letter of Intent mit Dr. Christoph Swarovski abschließen, der die Situation und Bedürfnisse der Klostergemeinschaft wie auch die Interessen der Region beherzigt und inzwischen in einen rechtskräftig unterzeichneten Vertrag überführt worden ist. Über sein Vorhaben wird Dr. Swarovski vermutlich selber gleich sprechen, weshalb ich das nicht ausführen muss. Wir haben ihn bei den vielen Fragen, die in den vergangenen Monaten aufgetaucht sind, immer wieder als einerseits sehr zielstrebig aber auch als sehr respektvoll erlebt. Hilfreich war sicher auch, dass er viele Details dem Verhandlungsgeschick von Dr Nuener überließ, der hier ebenfalls genannt gehört. Das Endergebnis kommt den Erwartungen und auch Befindlichkeiten des Konventes in vielen Punkten entgegen, berücksichtig die berechtigten Anliegen der Öffentlichkeit in punkto Kultur und Denkmalschutz und gibt Dr. Swarovski doch Handlungsfreiheit zur Gestaltung und Nutzung dieses geschichtsträchtigen Raums.

Meine Danklitanei kommt allmählich ans Ende, aber ich möchte doch auch noch einmal erwähnen, wie wichtig es für uns und vermutlich für die meisten hier ist, dass die heutigen Veränderungen die Bedingungen dafür schaffen, dass wir Benediktiner vor Ort bleiben können: Im traditionellen Stammsitz auf dem Georgenberg, in der Region, im Bistum. Gott sei’s gedankt!

5. Bekennen

Nach dem Danken soll aber auch ein Bekenntnis folgen. Denn dass ein Stift nach dreihundert Jahren von den Mönchen freiwillig verlassen wird, ist ja nicht gerade die Krönung einer grandiosen Erfolgsgeschichte. Ich möchte deshalb einige Punkte wenigstens anreißen, die verdienen genannt zu werden und die trotz der positiven Grundstimmung dieses Tages nicht untergehen sollen. Die Rahmenbedingungen für die Existenz des Stiftes als Kloster hier im Tal sind im 20. Jhd. immer schwerer geworden. Das gilt ökonomisch – die sanfte Enteignung des Achensees im Jahre 1919 durch die Stadt Innsbruck sei nur als Beispiel genannt. Das gilt auch landschaftlich. Franz Caramelle schrieb 1985 diesen prophetischen Satz: „Auch das Kloster Fiecht hatte früher große kulturlandschaftliche Bedeutung, heute ist allerdings sein äußeres Erscheinungsbild durch die starke Verbauung seiner Umgebung und die Nähe der Autobahn empfindlich gestört.“ Das hiesige Teilstück Jenbach-Weer wurde 1970 eröffnet.

6.

Drei Jahre zuvor war das alte tirolisch-österreichische Stift Fiecht der Kongregation der Missionsbenediktiner beigetreten – aus einer Verbundenheit mit der Ottilianer Mission, aber auch aus Personalnot. Ich habe gestern die alten Personalverzeichnisse durchgesehen. In den folgenden fünf Jahrzehnten kamen mindestens 21 Mönche für einige Jahre oder fürs ganze Leben hierher, die meisten aus St. Ottilien, aber auch aus Münsterschwarzach, Meschede und Mvimwa. Sie haben vieles aufrechterhalten, anderes neu geschaffen; mit großem persönlichen Einsatz und natürlich auch mit Schwächen, wie in jedem Kloster und jeder menschlichen Gemeinschaft.

Nüchtern muss man aber auch festhalten: Es ist nicht gelungen, genug Tiroler für ein Leben in diesem Kloster zu begeistern. Inzwischen ist der klösterliche Nachwuchs auch außerhalb von Tirol geringer geworden, und die deutschsprachigen Häuser können diese Gemeinschaft nicht mehr so verstärken, wie es bisher möglich war.

Einer der heute Anwesenden hat mir erzählt, wie er vor einigen Monaten mit einem emeritierten österreichischen Bischof auf der Autobahn am Stift vorbeikam. Da entfuhr dem Prälaten: „Wos reden die Ottilianer von Ägypten. Daher sollens die Leit schicken.“

In den vergangenen Jahren habe ich mir diese Frage immer wieder gestellt. Wäre es richtiger, so ein ehrwürdiges Haus wie Fiecht zu erhalten und dafür auf den einen oder anderen Neuaufbruch in unserer Kongregation zu verzichten? Nun, die Antwort wird ja auch mit dem heutigen Festakt gegeben: die Missionsbenediktiner nehmen in unsentimentaler Weise hin, dass ein Klosterstandort auch einmal aufgegeben werden muss. Wir haben das oft genug erlebt. Unser Ziel ist nicht die Aufrechterhaltung eines status quo, sondern die lebendige Weitergabe von Glaube und Mönchsleben. Nur weil wir zulassen, dass einmal etwas zu Ende geht, können wir auch ermöglichen, dass anderswo etwas beginnt.

7.

Ich kann Ihnen aber auch versichern, dass es leichter ist, diesen Satz hier heute zu sagen als ihn im Angesicht der tausendjährigen Klostergeschichte dieses Ortes im eigenen Herzen hin- und herzubewegen. Denn natürlich ist das auch ein schwerer Tag. Zum benediktinischen Leben gehört, so hat man uns gelehrt, eine dreifache Liebe: amor Dei, fratrum, loci. Liebe zu Gott, Liebe zu den Brüdern, Liebe zum Ort. Die Mitbrüder, die heute hier sitzen, geben einen Ort auf, in den sie Jahre und Jahrzehnte ihres Lebens ihre Energie und auch ihrer Liebe hineingesteckt haben. Mein eigenes Bedauern vermag nicht, an die Tiefe dieses Schmerzes zu rühren, der von den Hiesigen tapfer ertragen wird.

8. Hoffen

Auch das soll einmal gesagt werden. Aber mit diesem ernsten Gedanken will ich nicht enden. Auf Dank und Bekenntnis muss – christlich gesprochen – ein Wort der Hoffnung folgen. Und wir verbinden mit diesem heutigen Akt viele Hoffnungen. Erst einmal Hoffnung für Fiecht. Es wird hier nach menschlichem Ermessen gut weitergehen. Diese Stiftskirche wird mit dem heutigen Tag in die Nutzung durch Diözese und Pfarre übertragen; zugleich tritt Dr Swarovski großzügig in die Erhaltungspflichten des Grundeigentümers ein. Hier in diesem Gotteshaus wird weiterhin Litiurgie gefeiert werden, hier wird auch weiterhin ein Ort des Gebetes und des Kunstgenusses sein.

Im eigentlichen Stiftsgebäude erhoffe ich mir Vieles und Großes, vielleicht auch Dinge, auf die wir Benediktiner nie gekommen wären – aber darüber wollte ich ja nicht sprechen: Dr Swarovski kann dazu etwas sagen.

9.

Alle Kulturgüter, die nicht mit auf den Georgenberg gehen, verbleiben hier an ihrem angestammten Ort. Unser Vertragswerk behandelt ausführlich ihre Konservierung und den Zugang zu ihnen. Wir haben in den letzten Monaten durchaus bemerkt, dass es hie und da begehrliche Blicke auf einzelne Objekte gegeben hat. Aber wir – und zwar Kloster ebenso wie Dr Swarovski – sind uns einig, dass diese Kulturgüter in dem Rahmen, in dem oder für den sie entstanden sind, den besten denkbaren Platz haben.

Besonders hoffnungsvoll blicken wir allerdings auf den St. Georgenberg. Er wird wieder, was er einstmals war: Sitz einer ganzen Mönchsgemeinschaft, die dort oben betet und lebt, und für die Pilger und Besucher da ist. Es wird da oben ein anderes Leben sein als hier im Tal, darüber sind sich alle Mitbrüder im Klaren. Einige denken daran mit leichtem Schauder, andere voller freudiger Erwartung. Es ist ein Rückkehr zum Ursprung, und zwar nicht nur geographisch. Da oben werden die Mönche oft unter sich sein, am Morgen und am Abend, und wohl auch wenn der Winter einzieht. Die Mönche auf dem Georgenberg werden etwas von Einsiedlertum des seligen Rathold erleben, und auch etwas von den Ursprüngen des Mönchtums in der Wüste, wie wir es im schon genannten Ägypten auch gerade erleben. Diese Rückkehr ist ein Abenteuer. Es bietet die Chance, dem benediktinischen Mönchtum in Tirol noch einmal ganz neu eine Gestalt zu geben, die aus unseren Wurzeln kommt.

Kürzlich traf ich einen Innsbrucker Theologieprofessor, Dr. Siebenrock, und wir kamen über den Georgenberg ins Gespräch. Er sagte mir etwas sehr Schönes: „Der Georgenberg ist ein Wallfahrtsort für alle Tiroler, egal ob sie gläubig sind oder nicht.“ Wenn es gelingt, diese Offenheit des Georgenberges zu erhalten und weiterzutragen, dann bleibt er ein Gnadenort, auf dem die Benediktiner ihren missionarischen Dienst verrichten.

Das ist so ungefähr mein letzter Gedanke: die Übergabe von Fiecht und die Rückkehr auf den Georgenberg kann dieses Kloster befähigen, noch deutlicher Missionsort zu sein. Die dreihundertjährige Geschichte des Stiftes hier im Tal geht heute als Klostergeschichte zu Ende und beginnt als etwas ganz Anderes neu. Die tausendjährige Geschichte des Gnadenortes auf dem Berg empfängt daraus heute neues Leben.