Die Chorkapelle St. Benedikt in St. Georgenberg

Die Rückkehr des Benediktinerkonventes vom Stift Fiecht auf den St. Georgenberg, von dem aus die Mönche 1708 ihr Kloster nach Fiecht verlegten, bedingte dort bauliche Maßnahmen, die auch eine neue Chorkapelle für den Konvent mit einschlossen. In der ersten Etage des von Architekten DI Benedikt Gratl aus Innsbruck errichteten neuen Nordflügels fand sie nach dessen architektonischen Plänen ihren Ort. Prior Administrator P. Raphael Klaus Gebauer OSB und der Konvent  betraute mich 2018 mit der Ausgestaltung dieser Chorkapelle St. Benedikt. Dem Konvent mit seinem Prior Administrator P. Raphael Klaus Gebauer OSB sowie dem Architekten DI Benedikt Gratl möchte ich für das entgegengebrachte Vertrauen und die darauf folgende fruchtbare Zusammenarbeit sehr herzlich danken.

Grundabsicht für meine Raumkonzeption und Entwürfe war, einen Raum entstehen zu lassen, der die persönlichen Prozesse und das geschichtliche Erbe des Konvents wie auch die in ihm gehaltenen Stundengebete und Gottesdienste als die geistliche Quelle schlechthin in seiner Gestaltung aufgreift, in dem durch die Einheitlichkeit der formalen Sprache Ruhe gefunden werden kann und in der in sich materialisierte Verkündigung ist.

Der Raum der Chorkapelle erhebt sich unter einem Satteldach zeltartig auf einem rechteckigen Grundriss mit den beiden östlich  und westlich ausgerichteten Stirnwänden.  Gen Westen öffnet sich die Wand durch ein schmales vertikales Fensterband, das mit jeweiligem kurzen Abstand zum Boden bzw. zur Holzdecke den Blick auf den gegenüberliegenden Berghang samt Lindenkirche frei gibt. 

In diesem Farbfenster wollte ich den Ordensgründer St. Benedikt und zum Prozess seiner Nachfolge als Ordensmann Bezug nehmen. In einer farblichen Entwicklung von unten nach oben gewinnt das Fenster zunehmend an Helligkeit und Transparenz. Dieser Abfolge entsprechen dornengleiche Zeichen, die von der unteren Verdichtung sich nach oben hin zunehmend auflockern. Sie stehen für den von inneren Auseinandersetzungen und vom Ringen geprägten Entscheidungsprozess dessen, der sich auf ein Ordensleben einlassen möchte.

In diesem Prozess ist der Mensch auf Hilfe und Beistand angewiesen. Darum bildet das Fenster auch den farblichen Hintergrund für den davor stehenden Tabernakel – in vergoldetem Stahl als Stele ausgeführt -, der aufgrund seiner Transparenz durch die vordere wie hintere Verglasung des Gehäuses den Blick auf den in ihm stehenden Kelch (aus der Töpferei der burgundischen Benediktinerabtei La Pierre-qui-Vire) mit der konsekrierten Hostie sowie auf das Farbfenster frei gibt, in dem eine geöffnete Hand als Ausdruck innerer Haltung und Bereitschaft zur Christusnachfolge sichtbar wird. Darum wurde aufgrund der Transparenz des Allerheiligsten auf das Ewige Licht, dem Zeichen für die Gegenwart Gottes verzichtet. Darüber sind im Fenster ein Hirtenstab und ein Buch als Verweis auf den Hl. Benedikt und als Ausdruck der Abklärung der Entscheidung, ihm unter Abt und seiner Ordensregel zu folgen und zu leben, sichtbar. Die zunehmende Helligkeit des Fensters lässt das Licht der Klarheit und der im Entscheidungs-prozess gefundenen Fülle des Lebens schauen.

Zugleich lässt der Blick durch das Fenster die Lindenkirche erkennen, die in ihren Fundamenten ins 13. Jahrhundert zurückreicht und als Marienkirche der Wallfahrt auf den St. Georgenberg diente. Dadurch wird auch der Bezug zu der um 1200 beginnenden Aufgabe des Klosters, die Wallfahrt zu betreuen, geschaffen.

Auf der gegenüberliegenden Stirnwand erhebt sich in den Maßen des Fensters ein vergoldetes, von der Wand abgesetztes Band, auf dem  ein  in vergoldeten Stahlbändern ausgeführtes Kreuz aufliegt, dessen Mitte der Rahmen für die zu Beginn des 13. Jahrhunderts in Limoges geschaffene Kupferplatte mit der Darstellung des Gekreuzigten samt Assistenzfiguren Maria und Johannes, eine besondere Kostbarkeit, bildet.

Vor diesem Kreuz erhebt sich der Ambo, bezugnehmend zum Pauluswort:  „Wir aber verkündigen den Gekreuzigten.“ Wie der Ambo ist auch der mittig stehende Altar in vergoldeten Stahlstäben mit einer Holzplatte ausgeführt, beidseitig von jeweils einem ebenso gefertigten Stahlleuchter.

Unter dem Altar steht auf dem Boden ein Reliquienschrein, der in sich  teile des großen Reliquienbestandes der Abtei birgt, u.a. vom Sel. Bischofs Hartmann von Brixen (ein Freund des ersten Abtes Eberhard, dem er auch die romanisch geschnitzte elfenbeinerne Krümme seines Hirtenstabes schenkte.) Der berühmte Hartmannstab wird noch heute im Benediktinerkloster St. Georgenberg aufbewahrt.

Über dem Altarraum und dem Chorgestühl hängt von der Decke ein im vergoldetem Stahl ausgeführter Radleuchter herab, der in seiner Kreisform sowie durch die zwölf angedeuteten Tortürme in der Tradition der romanischen Radleuchter steht und gleich ihnen auf das Himmlische Jerusalem verweist.

Das Chorgestühl selbst ist aus heimischen Holz in sehr einfacher Form ge-schaffen. Diese Einfachheit der menschlichen Sitze steht im Gegenüber zu den Vergoldungen der Ausstattungsstücke, die über sich hinaus auf Christus verweisen, sei es in ihrer Symbolik, sei es in der liturgischen Nutzung.

Ein Priestersitz wurde bewusst nicht geschaffen und aufgestellt. Das soll anschaulich machen, wie sich bei den Mönchen Leitung und Vorsitz aus der Gemeinschaft heraus ergibt. Ob das ein Zukunftsmodell für die gesamte Kirche sein kann? Es ist gewiss ein Zeichen für eine sehr alte Tradition, wie Leitung, Vorsitz und Vorstand bei den Mönchen zurückgebunden sind. Das gilt auch für die vor dem Eingang der Chorkapelle sich erhebende Stele für das gläserne Weihwasserbecken zum Taufgedächtnis.

Domkapitular em. Dr. Jürgen Lenssen, Würzburg