Predigt von Bischof Hermann Glettler am 8.9.2019

Rückzug auf den Berg

Lesung: Weish 9,13-19; Evangelium: Lk 14,25-33

Die Benediktinermönche von Fiecht gingen nun definitiv an den geistlichen Ursprungsort ihres Stiftes zurück.
Ausschlaggebend für diesen Schritt waren nicht nurwirtschaftliche Überlegungen und die Tatsache, dass der Konvent zahlenmäßig sehr klein geworden ist. Mit dem Rückzug auf den St. Georgenberg wird ein geistliches Zentrum gestärkt, bzw. in neuer Weise aufgebaut. 

Die ursprüngliche Eremitenklause, die 1138 zur Benediktinerabtei erhoben wurde, gehört ja ohnehin schon seit
Jahrhunderten zu den stärksten Wallfahrtsorten Tirols. Der Rückzug auf den Berg hat eine symbolische
Strahlkraft und Radikalität, die sich auch in den Texten des heutigen Sonntags finden.

Der heilsame Rückzug
Um 950 hat der selige Rathold in der Schlucht des Stallentales auf einem Felsvorsprung für sich und eine kleine
Gemeinschaft von Eremiten ein Kloster errichtet. Er hat die exponierte Lage gewählt, um einen Ort zu haben, der die frei gewählte
Einsamkeit unterstützt und der Radikalität der Berufung entspricht – Alles zurücklassen und in die Fußspur Jesu
einsteigen, wie es im heutigen Evangelium heißt. Knapp 200 Jahre später nahm die Klostergemeinschaft die Regel des
Hl. Benedikt an. Kloster und Kirche wurden mehrfach von  Bränden zerstört und immer wieder neu errichtet.
Nach dem großen Brand von 1705 entschloss sich der Orden nach Fiecht hinunterzugehen.
1733 wurde das ehemalige Kloster am Berg als Wallfahrtshospiz wiederaufgebaut. 
St. Georgenberg ist ein geheimnisvoller Anziehungspunkt geblieben. Das Romantische und Rohe der Natur
hält sich hier gut die Balance. Der Rückzug der Benediktinermönche an ihren Ursprungsort ist mit Sicherheit 
keine Weltflucht und auch nicht die Wahl von einem komfortablen Leben – wenn auch das umgebaute und sanierte
Felsenkloster eine zeitgemäße, ästhetisch ansprechende Gestalt bekommen hat. Es hat Signalwirkung. 
Viele Menschen unserer Zeit machen sich auf den Weg. St. Georgenberg ist das Ziel für einen heilsamen Rückzug.
Ausschlaggebend kann eine Lebenskrise sein, die zu einer Unterbrechung drängt. Es kann der Wunsch nach Klarheit sein, 
weil eine wichtige Entscheidung ansteht. Es kann die Hoffnung auf Versöhnung sein, weil sich Schuld nicht einfach weg reden lässt.
Oder es ist einfach der innere Antrieb, Gott für die Größe und Schönheit des Lebens zu danken.
Kaum wo anders ist das intensiver und befreiter möglich als auf einer Anhöhe, deren sakrale Markierung schon Jahrhunderte alt ist. 

Die Botschaft der Berge
Religionsgeschichtlich spielen Heilige Berge eine große Rolle. Auch im Leben Jesu. Immer wieder zog sich Jesus auf den Berg zurück,
um zu beten – er wollte mit seinem Vater allein sein. Diese Verbundenheit mit seinem Ursprung war sein Lebensgeheimnis. 

Es sind drei „Berge“, die im Evangelium eine entscheidende Rolle spielen. 

Am Berg der Seligpreisungen verkündete Jesus die Magna Charta seines Lebens und seine Vision vom Reich Gottes.
Alle Heilig-Land Pilger wissen, dass die Anhöhe unmittelbar am See von Galiläa nicht als Berg zu bezeichnen ist. Nicht die
geographische Verortung ist entscheidend, sondern der Hinweis auf den Berg Sinai. Dort wurde das Gesetz durch Mose 
gegeben, hier verkündet Jesus die Neue Botschaft. Sein Programm ist tröstend und revolutionär zugleich. Nicht die Mächtigen,
sondern die Ausgegrenzten, Trauernden und Barmherzigen werden glückselig sein. 
Dieses Leitwort ist eine befreiende Alternative zu allen Ansagen von Gewalt und Verdrängung.

Am Berg Tabor hat Jesus drei ausgewählten Jüngern in einer überwältigenden Schau das lichtvolle Geheimnis
seiner Person erleben lassen. Sie durften eintauchen in das Geheimnis der Gegenwart Gottes. 
Die Verklärung Jesu ist keine äußerliche Show. Wer an ihn glaubt, wird von ihm verwandelt. Ja, wir haben es nötig,
dass die vielen Bereiche der Dunkelheit in uns vom Licht Jesu aufgedeckt, durchdrungen und verwandelt werden.
Der dritte „Berg“ im Evangelium ist der Hügel außerhalb der alten Mauern von Jerusalem. 

Am Berg Golgotha wurde Jesus als gottverlassener Verbrecher hingerichtet. Die erlittene Gewalt hat er durch Liebe überwunden.
Auf diesem Berg wurde die Todesspirale abgründiger Bosheit und Vergeltung durchbrochen. 
Versöhnung und Neubeginn sind möglich. Das Leben hat gesiegt.

Auftrag und Sendung
Fünf Mönche der Missionsbenediktiner, deren Kongregation seit 1967 im Stift Fiecht lebt, werden nun hier am St. Georgenberg wohnen.
Zwei Brüder sind aufgrund von Alter und Gebrechlichkeit im barocken Stift geblieben. Das Kloster auf dem markanten Felsvorsprung
wird in neuer Weise ein Ort des Gebetes und der Gastfreundschaft im Sinne des Hl. Benedikt sein. 
Auch Zimmer für Gäste sind vorhanden. Der geistliche Dienst der Mönche für alle Gläubigen und Suchenden,
die hierher kommen, ist von großer Bedeutung: Es ist das verlässliche Psalmengebet und die Feier der Eucharistie, stellvertretend für viele,
die in der Nervosität unserer Zeit nicht zur Ruhe kommen. 
Es ist das Angebot einer geistlichen Begleitung, die man hier wahrnehmen kann, und das Sakrament der Versöhnung.
Gerade das Letztgenannte kann eine unerwartete Befreiung und Entlastung schenken – auch wenn vielen die Praxis der Beichte
abhandengekommen ist. Es ist einen neuen Versuch wert.

Alle, die am St. Georgenberg für sich eine ruhige Zeit gesucht haben oder anlässlich einer offiziellen Wallfahrt an diesen Ort der Gnade
gekommen sind, gehen beschenkt und gesegnet nach Hause. Das ist eine vielfach bestätigte Tatsache. 
Das Erfreuliche und Abgründige von uns Menschen hat hier Platz. Nichts muss verdrängt oder als Last einsam getragen werden.
Die schmerzensreiche Mutter vom St. Georgenberg, dargestellt in der gotischen Pieta, nimmt die Gebete der Pilger entgegen.
Auch die fragmentierten oder unfrommen Gebete kommen an. 
Maria, die Mutter Jesu, vermittelt einen Trost, der sich schwer in Worte fassen lässt. Sie hält und verweist uns auf ihren Sohn,
der auf den drei Bergen des Evangeliums sein Herz gezeigt hat – am Berg der Seligpreisung, der Verklärung und Versöhnung.
Der Segen Gottes möge auch in Zukunft  von diesem exponierten Ort ausgehen und die Gesegneten werden selbst zum Segen –
n allen Höhen und Niederungen des alltäglichen Lebens.