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Begegnungen auf St. Georgenberg - eine bunte Gesellschaft

Georgenberg - eine bunte Gesellschaft

(Fortsetzung des Artikels in Nr. 95 des

Mitteilungsblatts der Freunde von St. Georgenberg)

"Ich verzeihe dir"

Ein Mann erzählt vom letzten Weg seiner Frau.  Sie hatte aggressiven

Gehirntumor, der innerhalb weniger Wochen zum Tod führte.

Als sie auch nicht mehr sprechen konnte und den nahen Tod vorausahnte,

schrieb sie auf einen Zettel: " Ich verzeihe dir hundert Mal!" Voll

Dankbarkeit kam deshalb der Mann auf den St. Georgenberg.

 

Esoterik?

Kurz vor dem Absperren der Kirche am Abend höre ich zwei Stimmen.

Junge Damenkommen aus der Gastwirtschaft. Sie wollen noch schnell

in die Wallfahrtskirche und ihre gerade im Laden gekauften goldenen Engelskugeln

mit Weihwasser segnen. "Das sind unsere Glücksengel. Es gibt diese auch in anderen Farbe;

wir aber wollen die goldenen." Auf der Verpackung mit der Aufschrift "Engelsflüsterer -

Dein himmlischer Begleiter" folgt unterhalb des Sichtfensters mit der kleinen, gold-

farbenen und von zwei Flügeln gekrönten Kugel eine nähere Erklärung über die

Zuständigkeiten dieses Engels: "Die goldfarbene Klangkugel steht für Reichtum, Sonne,

Wärme, Klarheit, Lebenskraft und Inspiration. Gold steigert den Selbstwert und hilft bei

Angst, Unsicherheit und Gleichgültigkeit." Die beiden jungen Frauen:

"Hören Sie den Ton innen in der Kugel?" Da klingt tatsächlich ein sanfter,

heller Ton. Ich frage: " Klingt das nicht nach Esoterik?" "Nein, wir glauben fest daran."

Später frage ich den Wirt, ob denn diese Engelsflüsterer in seinem Laden guten Absatz

haben. " Ja, einen sehr guten sogar." Ich lese dann im Laden auch die Aufschrift bei der

grünen Klangkugel: Diese "steht für Hoffnung, Gesundheit, Ausgeglichenheit, Ehrlichkeit,

Glück und Entspannung. Sie dient als neutrale Heilfarbe, wirkt beruhigend und fördert

Eigenschaft wie Ausdauer, Toleranz und Zufriedenheit."

Ursprünglich habe ich mich innerlich gegen diesen Weg und Codex von Heilslehren

gesträubt. Haben sie etwas mit der Botschaft des Evangeliums von Umkehr, Nachfolge,

Kreuz und Auferstehung zu tun? Und trägt hier der Gebrauch von Weihwasser nicht Züge

von Magie? Wenigstens schaden die Heilslehren auf der Verpackung der Engelsflüsterer
nicht. Und können manchen Zeitgenossen zu Lebensmut und zur Überwindung der dunklen
Seiten des Lebens innerlich anschieben.

 

Präsident Erdogan

Es war Ende Juli, gegen Abend. Eine kleine Gruppe junger Türken saß auf der Mauer vor der

Kirche. Sie arbeiten in Kufstein, sagte das Mädchen in perfektem Deutsch. "Wir kommen

gerne hierher." Ich schließe die Kirche und sehe im Heft, das für die Gebetsanliegen ausliegt,

kurze Texte in arabischer Schrift und vermutlich in Türkisch. Jemand aus meinem

Bekanntenkreis übersetzt diese. Sie lauten: " Im Namen Gottes Allah beginne ich: Der Krieg

soll enden und die Menschen sollen nicht sterben." Die zweite Eintragung: "Gott hilf allen

Menschen, die Schwierigkeiten haben. Gott schütze unseren Präsidenten Recep Tyyip

Erdogan. Er soll für uns immer als Führer dienen."

 

Von St. Georgenberg nach Mekka

Ein andermal höre ich wiederum spät am Nachmittag Stimmen am Außenaltar. Vom Garten

aus sehe ich durch die Sträucher fünf junge Männer beim Gespräch. Etwa um 18 Uhr zieht

einer seine Jacke und seinen Pullover aus und breitet sie hinter dem Außenaltar auf der Erde

aus. Aufrecht stehend faltet er die Hände, schaut nach Südosten, verneigt sich tief, fällt auf

die Knie und berührt mit seiner Stirn mehrmals den Boden. Andere folgen ihm und

verrichten ihr Gebet nach Mekka.

Als die Fünf dann zur Wallfahrtskirche herauf kommen, spreche ich die jungen Leute an. Es

sind Türken . "Zum dritten Mal bin ich hier auf dem Georgenberg von Bad Tölz aus, weil es

mir hier oben so gut gefällt; meine Freunde habe ich mitgenommen", sagt einer in gutem

Deutsch. "Wie bist du auf Georgenberg aufmerksam geworden?" " Durch einen Prospekt mit

Wanderempfehlungen in Tirol. "

Ich frage mich, was wohl unsere Tiroler Pilger dazu sagen würden. Jedenfalls ist Frömmigkeit

bei vielen Religionen zu finden. Gott kann gut mit St. Georgenberg und Mekka umgehen.

 

Auch dies gibt es

Vier Männer in Pfadfinderkluft beten morgens in der Wallfahrtskirche vor dem Frühstück in

der Gastwirtschaft gemeinsam das Morgenlob aus ihrem Reisebrevier. Ursprünglich wollten

sie dies zusammen mit dem Konvent tun, mussten sich aber eines Besseren belehren lassen.

Es sind Ärzte und Ingenieure aus Köln, Mitglieder der Katholische Pfadfinderschaft Europas.

Ihre Wandertour durch das Karwendel setzen sie fort.

 

Vietnamesen

Im September fällt mir eine Gruppe Vietnamesen unter der Kaiserlinde beim Außenaltar. Sie

sitzen in einer Runde und teilen vietnamesische Spezialitäten, die sie auf einer Decke

ausgebreitet haben - darunter allerhand Gemüse, Salate und Obst. In der Gruppe

entpuppen  sich auch Zisterzienser vom Stift Stams, wo sie als Ostasiaten eine neue Heimat

gefunden haben. Heute haben sie ihren Ausflugstag.

 

Wertvolle Entdeckungen

Ein Bus bringt Freunde der Benediktinerabtei Marienberg aus Südtirol zu uns. Ich führe die

große Gruppe auch zur Lindenkirche. Dr. Hermann Theiner, Archivar und Historiker, entdeckt

auf der äußeren, östlichen Fensterleibung der Sakristei unter dem Turm ein Stein- 

metzzeichen, das ich dann später auf der Gegenseite ebenso ausfindig mache. Vor 500

Jahren hat hier ein Könner sein Zeichen für die Nachwelt hinterlassen. Wird er sich "dort

oben" freuen, dass man an ihn "hier unten" an ihn denkt?

Dr. Theiner entziffert auch die auf die Innenwand beim zugemauerten romanischen Eingang

gekritzelte Schrift in der Lindenkirche . Sie lautet: Jochan Ludwig (?) v. Waiblingen, 1489. Der

Experte schrieb mir dann später: "Es ist zu viel an der Schrift herum gestört worden. Diese

Rötelkritzeleien sind von Anfang an immer mit Fragezeichen zu sehen, denn der

Rötelbrocken war ja gelb. Die geschriebenen Zeichen wurden erst im Laufe der Zeit braun

und somit sicht- und lesbar. So ist immer zu rechnen, dass beim Schreiben etwas nicht

eindeutig ausfiel." Vor rund 530 Jahren hat sich wohl ein Pilger hier verewigt.

 

Verrückt?

Zwei Radfahrer kommen aus Richtung der Lindenkirche zum Außenaltar herunter. Es stellt

sich heraus, dass sie die Strecke auf ihren Drahteseln auf das Stanser Joch und abwärts über

die Nauders und die Plattenalm sowie die sehr steile und gefährliche Strecke herunter zum

St. Georgenberg zurückgelegt haben. Sicher ist dabei Rotwild und manche Gams

aufgeschreckt worden. Was würden unser Jagdpächter und der Jäger dazu sagen?

 

Höchste Überraschung

Wir haben einen neuen Bischof!  Völlig unerwartet hat sich MMag. Hermann Glettler

unserem Diözesan-Administrator Mag. Jakob Bürgler angeschlossen, der am 13. Oktober die

letzte Nachtwallfahrt in diesem Jahr leitete. (Am 2. Dezember wird der neue Oberhirte die

Bischofsweihe erhalten.) P. Prior Raphael begrüsst den hohen Gast sehr herzlich am

Außenaltar. Die Pilger freuen sich und klatschen. Der designierte Bischof feiert den

Gottesdienst am Außenaltar als Konzelebrant mit und richtet am Schluss ein kurzes

Grußwort an die Wallfahrer.

In lockerer Runde sitzen wir schließlich bei Würstel und Bier zusammen. In unser Gästebuch

schreibt der Kirchenmann:

"Traut's Euch was!" frei nach Papst Franziskus, "denn der Herr ist mit uns. Er wird uns in

neuer Weise Berufungen schenken. Mit großer Freude, dass ich heute hier mitfeiern

durfte!"  Hermann Glettler

Möge sein hoffnungsvolles Wort für das Priesterseminar in Innsbruck und für uns

Benediktiner wahr werden ! Sein Wahlspruch  " Geht, heilt und verkündet" deutet auf

Aufbruch.

 

Dreidimensional

Zum ersten Mai in der Geschichte von St. Georgenberg umflog uns Ende Oktober drei Tage

lang eine Drohne mit installiertem Fotogerät zwischen den 8 Propellern, elektronisch von

einem Ingenieur ferngesteuert. Ein Computer wird drei Wochen lang die gespeicherten

Daten verarbeiten und ein dreidimensionales Bild von den Gebäuden erstellen.

Experten untersuchten auch an mehreren Stellen der Gebäude die Bausubstanz. Die

Siebenschläfer hatten bereits Reißaus genommen und jede Menge Losung in ihren

Verstecken zurückgelassen.

 

Über den Tellerrand Tirols hinaus

Wir Fiechter Benediktiner gehören einem weltweiten Verband von Klöstern an. Unsere

Aufgabe ist es, die Botschaft des Evangeliums bei den Völkern zu verkünden und zugleich zu

vertiefen. Dies wurde am Weltmissionssonntag deutlich, als P. Johannes Adom aus der

jungen Abtei Agbang in Togo die Predigt auf Deutsch hielt. Er war aus Rom angereist, wo er

seine Doktorarbeit schreibt. (Unsere Missionsprokura finanziert das Studium.) Ins

Georgenberger Gästebuch schrieb er auf Französisch: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur

wenig Arbeiter. Wir sagen Gott Dank für dieses große spirituelle Zentrum und wir bitten ihn,

hierher Arbeiter nach seinem Herzen für die Ernte zu senden. Danke Herr, für Georgenberg."

 

Last not least feierten wir 30 Jahre "Freunde von St. Georgenberg"